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Verletzlichkeit: Warum wir sie zeigen sollten

 

Wer kennt sie nicht: die peinlichen Situationen, in denen wir nichts sagen oder tun, aus Angst, uns zu blamieren oder zurückgewiesen zu werden. Sei es in der Liebe, im Gespräch mit Freunden oder im Meeting. Scham, Selbstzweifel und andere negative Gefühle haben die Oberhand.  

Sich zu schämen gehört für uns alle zum täglichen Leben. Dahinter steckt nicht selten schlichtweg die Angst zu scheitern, sich angreifbar zu machen und dadurch letztendlich verletzt zu werden.

Leider bremst diese Scham uns oft aus und lässt uns sogar Chancen verpassen, da wir Dinge nicht ansprechen oder Situationen meiden.    

Daher stellt sich doch die Frage: Wie können wir versuchen, dem Gefühl der Scham weniger Macht zu geben oder sie gar ganz aus unserem Leben zu verbannen?    

 

Genau dieser Frage ist Brene Brown, eine Forscherin aus Houston, nachgegangen.

Ihr Buch „Verletzlichkeit macht stark“ kann ich hier sehr empfehlen genau wie ihren legendären Ted Talk.  

Ihre Antwort klingt erst mal etwas ungewohnt: Indem wir Verletzlichkeit zulassen.

Wie denn das? Ein negatives Gefühl soll durch ein anderes (vermeintlich negatives) Gefühl eliminiert werden? Wir sehen Verletzlichkeit doch eher als Schwäche und damit sogar als negativ?  

Zu Unrecht. Denn Verletzlichkeit ermöglicht uns, der Scham das Handwerk zu legen.

Wie und warum, schlüsseln wir nun genauer auf.    

 

Woher kommt das das Gefühl von Scham?  

Wenn wir mit Anderen in Kontakt sind, möchten wir natürlich in erster Linie stark dastehen. Da hat Verletzlichkeit nun wirklich keinen Platz und ist damit das Letzte was wir einer anderen Person zeigen möchten. Was andere über uns denken (könnten), hängt im weiteren Sinne mit einem unserer Grundbedürfnisse zusammen: nach Beziehung, Liebe und Zugehörigkeit. Heißt: wir möchten besonders gut dastehen, um dazuzugehören und nicht abgewiesen zu werden.

Merken wir, das genau dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht erfüllt wird, beginnen wir, uns zu schämen, denn wir  haben das Gefühl, es nicht wert zu sein.

Warum? Weil wir denken, unser Wert kann nur an bestimmten Kriterien, Leistungen, Handlungen gemessen werden. Dass wir einen grundsätzlichen Wert als Mensch haben (mit all seinen Gefühlen und Themen), der alleine schon durch seine Existenz einen unvergleichlichen Wert hat, wird meist ausgeblendet.

 

Soll heißen: Wir machen unseren Wert häufig an dem fest, was wir tun und leisten. Bekommen wir hier Kritik, beziehen wir das auf uns als Person. Wir können nicht zwischen uns selbst (wer wir sind) und der Leistung (was wir tun) trennen. Und sehen die Kritik als Ablehnung unserer Person. So empfinden wir Scham.    

Während so gut wie alle negativen Gefühle durchaus ihren Sinn haben (meist, uns zu schützen), hat Scham an sich leider in keinerlei Betrachtung einen positiven Effekt. Im Gegenteil: sie wirkt sich eher negativ auf unser Leben aus. Aus Angst uns zu schämen, vor Kritik, vor Ablehnung halten wir uns oft lieber im Hintergrund und lassen Chancen ungenutzt vorbeiziehen. Wir vermeiden Situationen lieber komplett und fühlen uns damit oft ausgeliefert und machtlos.    

 

Dazu kommt, dass wir in einer Zeit leben, in der wir uns immer wieder vergleichen. Mit Influencern, Sportlern, Models oder erfolgreichen Gründern, aber auch mit Menschen in unserem Umfeld. Wir sind ständig im Vergleich und damit in der Angst, nicht genug zu sein oder zu leisten. Wir möchten daher immer mehr haben und erreichen, um mithalten zu können. Es entsteht ein Gefühl von Scham, da wir glauben, nicht zu genügen.    

Das ist oft ein Teufelskreis und lässt uns nicht selten wertlos und ungenügend fühlen. Wie kommen wir also raus aus dieser Spirale?  

In dem wir Verletzlichkeit zulassen.    

 

Was bedeutet Verletzlichkeit?  

Für viele von uns ist Verletzlichkeit erst einmal negativ. Wir verbinden mit ihr Scheitern, Versagen, Weichlichkeit und Enttäuschung. Wir sind so erzogen, dass Stärke, Leistung und Erfolg wichtiger sind als unsere Gefühle.  

Verletzlichkeit bedeutet aber genau das: zu fühlen. Nur wer fühlt, kann sich anderen ehrlich öffnen. Ob Angst, Trauer, Liebe oder Freude – sie alle basieren auf Verletzlichkeit.  Zu lieben, heißt beispielsweise, verletzlich zu sein, da wir ein Risiko eingehen.    

Sich verletzlich zu zeigen ist damit ein echtes Zeichen von Mut. Denn wir gehen den Schritt ins Ungewisse. Gehen das Risiko ein kritisiert und abgelehnt zu werden. Ist das schwach? Das Gegenteil ist der Fall: das ist richtig stark, oder?    

 

Wie können wir lernen, mit Verletzlichkeit umzugehen?  

Sehnen wir uns nach zwischenmenschlichen Beziehungen und Liebe, geht das nur, indem wir uns mit unserer Verletzlichkeit auseinandersetzen und diese auch zeigen.

Dazu habe ich hier ein paar kleine Tipps:    

  • Erkenne deine Verletzlichkeit und nimm sie an  

Nimm dich selbst an wie du bist – mit allen Gefühlen. Jedes Gefühl ist ok. So schaffst du einen freundlichen Umgang mit dir selbst. Das gibt dir wiederum Selbstvertrauen, dass alles gut ist, auch wenn du dich verletzlich zeigst. Was verletzt dich? Was macht dich traurig?    

  • Suche Menschen, denen du vertraust  

Sich jemandem zu öffnen, erfordert Mut, denn du zeigst dich damit verletzlich. Daher ist es wichtig, dass es Menschen sind, die empathisch und verständnisvoll sind. Wenn du dich verstanden fühlst, fühlst du dich freier und überwindest deine Scham.    

  • Zeige deine Verletzlichkeit ganz offen  

Es geht bei Verletzlichkeit nicht darum, bei anderen Schuldgefühle auszulösen oder um getröstet werden zu wollen, sondern um die eigene Wahrheit. Die eigenen Gefühle ehrlich zum Ausdruck zu bringen. Möchtest du nicht auch von anderen, dass sie sich ehrlich und authentisch zeigen?    

  • Erfolg und Selbstwert haben nichts miteinander zu tun!  

Nicht was du tust, sondern wer du bist, macht dich wertvoll und liebenswert.  Dein Selbstwert hat daher nichts mit dem zu tun, was du erreicht hast oder du tust und leistest. Kritik und Scheitern ist vollkommen in Ordnung und hat mit der Sache – nicht aber mit dir als Person zu tun.    

  • Sei ein Vorbild  

Ob als leitender Angestellter, als Partner, als Freund oder als Eltern: wir haben alle immer die Möglichkeit, unseren Mitmenschen ein Vorbild zu sein und mit gutem Beispiel voran zu gehen. Indem wir das Gefühl vermitteln, gesehen und gehört zu werden.

Als Elternteil kannst du wir bspw. deine Kindern immer wissen lassen, dass sie gut so sind wie sie sind, um ihnen ein starkes Selbstwertgefühl mitzugeben. Sie werden es leichter annehmen und sich selbst lieben, wenn sie von dir bedingungslos geliebt werden – egal ob sie Mist gebaut haben oder ne 5 nach Hause bringen.    

 

Sich verletzlich zu zeigen lohnt sich  

Wenn wir lernen, richtig mit unserer Verletzlichkeit und damit vielleicht auch mit unserer Unvollkommenheit umzugehen, zeigt sich das in allen Bereichen unseres Lebens:

  • Wir sind aufrichtig zu uns selbst und können damit ein authentisches Leben führen.
  • Wir schaffen Nähe und Vertrauen, wenn wir ehrlich teilen was wir fühlen.
  • Wir wachsen, indem wir uns trotz Angst vor Enttäuschung, Kritik und Ablehnung trauen, ein Risiko einzugehen.
  • Wir leben Gefühle aus und fressen nichts in uns hinein, indem wir offen sprechen über Kränkung und Schmerz. So können wir auch innere Blockaden lösen.
  • Wir können positive Gefühle wie Freude, Kreativität, Vertrauen, Verbundenheit oder Liebe bewusster wahrnehmen.    

Verletzlichkeit anzunehmen, bedeutet auch, sich selbst anzunehmen und näher zu kommen. Ehrlich zu sich selbst zu sein und auch zu anderen. Das ist oft nicht leicht und erfordert Mut, aber es eröffnet viele Möglichkeiten und Chancen.

Indem wir lernen, uns selbst bedingungslos zu lieben und verstehen, dass wir unseren Selbstwert nicht an Erfolgen und Leistungen festmachen müssen, kann uns auch Kritik und Scheitern nichts anhaben. Wenn wir das Risiko eingehen, unsere Verletzlichkeit zu zeigen und uns ehrlich öffnen, schaffen wir eine Basis für tiefe Verbindungen mit Ehrlichkeit und Authentizität – sowohl im privaten, als auch im beruflichen Leben.      

 

Damit: Lasst uns mehr Mut haben, ein Risiko einzugehen. Ob du in der Beziehung als erste*r sagst "Ich liebe dich", im Meeting vermeintlich blöde Fragen stellst oder ehrlich sagst „Ich kann nicht mehr“ – sei mutig.   Unser größter Gegner dabei ist die Scham - und die gilt es, aus dem Weg schaffen.      

 

 

Foto:  

Max Harlynking via unsplash  

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